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Bild: Titelbild Heft 20, zur Onlineversion siehe Link AUSGABEN

Liebe Leserinnen und Leser,

als das Foto auf der Titelseite dieses Heftes das erste Mal auf meinem Computerbildschirm auftauchte, habe ich schmunzeln müssen. Schmunzeln Sie auch? Eine Montage zweier Lutherfiguren: Die eine steht seit 1901 auf dem Kanzelkorb in St. Jacobi - etwa  40 cm groß - eine Miniaturversion des überlebensgroßen Denkmals in Worms von 1868; die zweite ist der Playmobil-Luther 2017 - etwa 7,5 Zentimeter klein.

Die Kanzelfigur zeigt Luther in typischer Haltung, als Verkörperung jenes legendären Satzes, mit dem er auf dem Reichstag zu Worms vor den Kaiser getreten sein soll: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, in der linken Hand die Bibel, mit der rechten Faust pochend auf die Heilige Schrift. Ähnliche Statuen stehen in Dresden vor der Frauenkirche oder auf dem Marktplatz zu Wittenberg. Luther, ein deutscher Heros, der „den Römern“ widersteht. Diese Lutherbilder erzählen mehr über deutschnationalen Zeitgeist des 19. als über den „historischen“ Luther des 16. Jahrhunderts.

Auch das Reformationsgedenken 2017 hat sein populäres Lutherbild: die Playmobil-Figur, die meistverkaufte aller Zeiten, über 750.000 Exemplare. Ob sie auch etwas über den heutigen Zeitgeist vermittelt? Kein Held mehr, sondern ein niedliches Spielzeug. Wer es einmal in die Hand genommen hat, weiß: Auf die Heilige Schrift sollte dieser Luther lieber nicht pochen, sie fällt ihm sonst runter.

Können wir heute mit jenem Luther, der sich – nicht nur in Worms – auf die Bibel, sein Gewissen und die Vernunft berief, noch etwas anfangen? Manches, was in diesem Jahr begangen wird, scheint mir eher als Spiegel der Eventkultur des 21. Jahrhunderts. Und: hat man mit dem Jahr 2017 überhaupt das richtige Datum gewählt? Die Veröffentlichung der 95 Thesen war doch nur ein zaghafter Anfang, zumal zu einem Thema, dem Ablasshandel, das heute nicht mehr wirklich interessiert. Der Versuch, diesen Anlass 2017 mit Türen aufzugreifen, an die Zeitgenossen x-beliebige Reformvorschläge pinnen dürfen, scheint mir doch eine sehr vordergründige Aktualisierung.

Die wichtigsten Schriften und Ereignisse der Reformation folgten erst einige Jahre nach 1517: Luthers Auftritt in Worms und die anschließende Verbrennung der Bannandrohungsbulle, die Übersetzung der Bibel, seine wichtigsten Schriften wie die „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Werden wir nach 2017 noch Lust haben, die Reformationsdekade 1520-1530 mit ihren Licht- und Schattenseiten zu würdigen? Was wohl künftige Generationen einmal über „unser“ Reformationsgedenken 2017 sagen werden? Typische Eventkultur aus dem 21. Jahrhundert?

Wie wir in Göttingen den Herbst des Reformationsgedenkens begehen, dazu finden Sie in diesem Heft zahlreiche Beiträge und Veranstaltungshinweise. Herzlich grüßt

Harald Storz


Die Ausgabe September 2017 bis einschließlich November 2017 von KIRCHE FÜR DIE STADT ist erschienen. Sie ist in allen Kirchengemeinden der Innenstadt erhältlich. Außerdem wird sie kostenlos an alle Gemeindeglieder der Innenstadt-Kirchengemeinden verteilt.

Unter AUSGABEN ist die vollständige Onlineversion zu lesen.